Einleitung
Die Kellerkinder treten ans Licht
Dieser Blog holt die Arbeiten von 14 Studierenden des Fachs Kunstpädagogik aus dem verborgenen Dasein hervor. In Osnabrück sitzen wir versteckt im Kellergeschoss der Universität. An das Licht der Öffentlichkeit gelangen nur die wenigsten Arbeiten, doch was die Studierenden des Wintersemesters 08/09 leisten ist es wert einmal näher betracht und angeschaut zu werden.
Die Geheimnisse der Fotografie im Zeitalter der digitalen Bilder zu ergründen, erscheint so simpel und doch auch so unendlich schwierig. Es genügt nicht bloß auf den Knopf zu drücken. Die Knipserei soll weichen und Platz machen für die bewusste Wahl des Augenblicks, die Entscheidung über die Brennweite, die Perspektive, das Licht und die Wahl des Motivs.
Mit Photoshop CS3 können wir ja heutzutage Gott spielen: es kann auf dem Bild hell oder dunkel werden, wir können einer Person ein drittes Augen einbauen oder ganz nach Belieben völlig austauschen. Es gibt keine Grenzen mehr. Doch trotz der vielfältigen Möglichkeiten die richtige Wahl zu treffen fällt nicht leicht. Den Geschmack und den Sinn für Licht, Farbe und Form gilt es zu sensibilisieren.
Es gibt also viel zu tun. Eine Herausforderung für mein Seminar.
Der Beginn ist klar. Ein Meister muss her. Einer der deutlich sagt wie es geht. Henri Cartier-Bresson tut dies.
Und dann wagen wir eine erste Annäherung. Eine nostalgische Reise in die Vergangenheit und die Gegenwart der Camera Obscura. Mit einem großen Koffer und einem Stativ geht es bei Minusgraden hinaus in den Schlosspark. Eine Sinar Fachkamera mit Ziehharmonika Balgen dient als Demonstrationsobjekt. Ein schwarzes Tuch über dem Kopf macht die Zeitreise perfekt. Das Objektiv wird durch schwarze Pappe mit einem Stück Alufolie in der Mitte ausgetauscht. In die Alufolie pieke ich mit einer Stecknadel ein Loch. Vorsichtig, damit es auch schön rund wird. Fröstelnd schauen die Studenten zu. Dann ein erster, zögerlicher Blick auf die riesige Mattscheibe der Kamera. Und – was sehen Sie? Da steht ja alles auf dem Kopf. Aha! Und wenn man den Balgen auseinander zieht, wird das Bild noch größer, das Schloss kommt plötzlich näher. Eine erste Erkenntnis.
Weiterhin klären wir die Frage nach der Perspektive. Die Frage lautet: wo stehen wir? Was bewirkt eine geschlossene Blende und was passiert bei einer langen Verschlusszeit? Warum ist ein Tempotuch eine schlaue Hilfe bei einem Weißabgleich? Fragen der Präsentation gilt es ebenso zu klären. Was ist ein Passepartout? Was ein Leporello?
Es gibt keinerlei Vorgaben für die eigene praktische Arbeit. Meine Aufforderung lautet: Haben Sie Mut! Machen Sie etwas Verrücktes! Wagen Sie etwas! Seien Sie kreativ!
Freiheit die schwer fällt. Ich gebe zu, dass eine klare Vorgabe oftmals wesentlich einfacher zu bearbeiten ist. Und dann kommen die ersten Bilder und Ideen und ich denke: Jaaaa?!? Doch gleich im nächsten Augenblick denke ich: Was für eine coole Idee! Die Studierenden überraschen mich. Einige Bilder sind weltklasse, andere allerdings auch grausig. Aber alle haben eine Idee, zeigen Mut und den Wunsch eine Arbeit zu erstellen. Dafür habe ich großen Respekt und Bewunderung.
Am Semesterende hängen unzählige Bilder an den Wänden und sogar ein Film wird gezeigt. In kurzen Kolloquien präsentieren die Studenten ihre Bilder. Es ist für alle die Chance sich selbst zu artikulieren, eine eigene Position zu beziehen, Kritik zu üben, eine Debatte zu entfachen, aber auch Anregungen und Lob zu geben. Mein Ziel ist es, dass die Studenten lernen ein Vokabular zu finden, das ihnen hilft sich mit Bildern auseinanderzusetzen, ohne dabei persönlich oder verletzend zu werden. Argumente sollen überzeugen. Dies wünsche ich mir auch von den Besuchern dieses Blogs.
Von der Leistung der vorgestellten Serien bin ich beeindruckt und mehr als positiv überrascht. Die technische Perfektion ist nicht das Ziel, die Idee zählt. Alle haben vortreffliche Arbeiten gezeigt, vor allem wenn ich bedenke, dass die meisten als absolute „Greenhorns“ angefangen habe.
Die elende Notengeberei bleibt unvermeidlich. Das ist kein Vergnügen, zumal ich versuche gerecht zu sein, aber ob dies immer gelingt bleibt fraglich.
Das Semester neigt sich dem Ende zu. Die Zeit rast. Der Studienplan zwingt in ein enges, zeitlich straffes Korsett. Das bedaure ich sehr, denn ich habe jetzt erst die Studenten richtig kennen gelernt. Doch nun heißt es Abschied nehmen.
Bleiben Sie der Magie der Black Box treu!
Vielen Dank für Ihren Einsatz!
Chapeau!
Gutes Licht und wunderbare Motive!
Reimar Ott